Reale Vorgänge und digitale Steuerung kontrolliert verbinden

Cyber-physische Produktionssysteme: Wenn reale Vorgänge und digitale Steuerung zusammenwirken

Ein Steuerbefehl wurde angenommen. Welche spätere Rückmeldung zeigt, ob die beabsichtigte Änderung im Produktionsprozess eingetreten ist?

SystemwissenNESS Online GmbHVeröffentlicht: Zuletzt aktualisiert:

Kurzdefinition: Ein cyber-physisches Produktionssystem verbindet physische Produktionskomponenten, digitale Verarbeitung und menschliche Beteiligte so, dass reale Zustände erfasst, bewertet und kontrolliert beeinflusst werden können.[1]

Was cyber-physische Produktionssysteme sind

Entscheidend ist die Integration von Berechnung und physischem Prozess. Auch eine lokal geregelte Maschine kann ein cyber-physisches System bilden; eine übergeordnete Plattform ist keine zwingende Voraussetzung. Menschliche Beteiligung kann Teil der Auslegung sein, muss aber nicht in jeder einzelnen Rückkopplung stattfinden.

Das NIST-Rahmenwerk beschreibt Cyber-Physical Systems als Systeme aus interagierenden digitalen, analogen, physischen und menschlichen Komponenten, deren Funktion durch integrierte physikalische und logische Zusammenhänge entsteht.[1] Auf die Produktion übertragen umfasst das nicht nur Maschinen und Sensoren. Auch Materialien, Produkte, Arbeitsbereiche, Beschäftigte, Regeln und Entscheidungen können Bestandteile des Systems sein.

Im Rahmen von Industrie 5.0 ist die technische Kopplung kein Selbstzweck. Sie soll Menschen in einer widerstandsfähigen und nachhaltigen Produktion unterstützen. Die EU-Kommission stellt deshalb Humanorientierung, Nachhaltigkeit und Resilienz neben die reine Effizienz- und Produktivitätslogik.[5]

Beispiel: Befehl angenommen, Wirkung noch offen

Ein fiktives Beispiel unterscheidet drei Zeitpunkte: Ein Sensor misst um 10:00:00 eine Temperaturabweichung. Die übergeordnete Anwendung erhält die Meldung um 10:00:05. Eine spätere Messung um 10:00:20 zeigt den Zustand nach einem veranlassten Eingriff. Die Uhrzeiten illustrieren den Ablauf; sie definieren keine zulässige Latenz.

Für diesen Fall ist eine lokale Schutzfunktion vorgesehen, die unabhängig von der übergeordneten Anwendung reagiert. Eine weitergehende Nachregelung benötigt eine menschliche Freigabe. Damit ist der automatische Schutz von der freizugebenden Aktion getrennt. Welcher Schutzzustand geeignet ist, muss für die Anlage bestimmt und geprüft werden.

Die Annahme des Nachregelbefehls durch die Steuerung belegt zunächst nur die Befehlsannahme. Erst eine geeignete Rückmeldung über Ausführung und beobachteten Zustand erlaubt die Beurteilung der Wirkung. Auch die neue Temperaturmessung muss dem richtigen Sensor, Objekt und Zeitpunkt zugeordnet sein.

Bleibt diese Rückmeldung aus, lautet der Status nicht „Wirkung bestätigt“. Die konkrete Auslegung muss festlegen, wie ausstehende oder widersprüchliche Rückmeldungen behandelt werden. Eine Websitebeschreibung belegt weder die Schutzfunktion noch eine tatsächliche Geräteanbindung.

Zeit und Synchronität gehören zur fachlichen Bedeutung

Physische Prozesse laufen kontinuierlich ab, während digitale Systeme Informationen in einzelnen Messungen, Meldungen und Zustandsänderungen verarbeiten. Verzögerungen, unterschiedliche Systemuhren oder verlorene Nachrichten können deshalb die Interpretation verändern.

Eine Temperaturmessung ist nur dann sinnvoll einzuordnen, wenn ihr Messzeitpunkt, ihre Übertragungszeit und die zugehörige Prozessphase bekannt sind. Wird ein Grenzwert erst nach mehreren Minuten erkannt, kann die physische Situation bereits eine andere sein. Ebenso darf eine verspätet eingetroffene Meldung nicht ohne Prüfung so behandelt werden, als sei sie in der Reihenfolge der technischen Verarbeitung entstanden.

Prozessereignisse strukturieren beobachtete Handlungen und Zustandswechsel als auswertbare Einheiten. Für cyber-physische Systeme müssen sie zusätzlich die zeitliche Beziehung zwischen Beobachtung, Übertragung, Verarbeitung und Einwirkung abbilden. Nur so bleibt erkennbar, ob eine Reaktion rechtzeitig erfolgte und welcher reale Zustand ihr zugrunde lag.

NIST behandelt Timing, Daten, Zusammensetzung, Grenzen, Lebenszyklus und Vertrauenswürdigkeit als miteinander verbundene Betrachtungsaspekte eines Cyber-Physical Systems.[1] Zeit ist damit keine bloße technische Metadatenangabe, sondern Teil der Systemfunktion.

Der cyber-physische Regelkreis

Die Grundbewegung eines cyber-physischen Produktionssystems lässt sich als Regelkreis verstehen:

  1. Beobachten: Ein relevanter physischer Zustand wird durch Sensorik, Maschinendaten oder eine menschliche Feststellung erfasst.
  2. Zuordnen: Die Information wird mit dem betroffenen Objekt, der Aufgabe, dem Zeitpunkt und den geltenden Bedingungen verbunden.
  3. Bewerten: Software vergleicht den Zustand mit Vorgaben, Regeln, Modellen oder bekannten Zusammenhängen.
  4. Entscheiden: Je nach Risiko und Systemauslegung trifft eine Steuerung eine begrenzte automatische Entscheidung oder legt einem Menschen Handlungsoptionen vor.
  5. Einwirken: Eine Maschine, ein Aktor oder eine Person verändert den physischen Prozess.
  6. Wirkung prüfen: Der neue Zustand wird erneut erfasst und mit der erwarteten Wirkung verglichen.

Edward A. Lee fasst Cyber-Physical Systems als Integration von Berechnung und physischen Prozessen auf, bei der eingebettete Rechner und Netzwerke physische Vorgänge beobachten und steuern und beide Seiten über Rückkopplung miteinander verbunden sind.[2] Diese Rückkopplung unterscheidet ein lebendiges Betriebssystem von einer nachträglichen Datensammlung.

Ein Regelkreis muss nicht vollständig automatisiert sein. Die Entscheidung kann bewusst bei einer qualifizierten Person liegen. Entscheidend ist, dass Beobachtung, Bewertung, Handlung und Wirkung als zusammengehöriger Verlauf erhalten bleiben.

Die Rückmeldung muss zum ausgelösten Eingriff gehören

Eine neue Temperaturmeldung kann aus einem anderen Behälter oder einem alten Übertragungspuffer stammen. Sie bestätigt dann nicht die Wirkung des gerade freigegebenen Eingriffs. Objektzuordnung und Messzeit sind deshalb gemeinsam zu prüfen.

Das Kontextmodell beschreibt die fachlichen Bezüge. Für den Regelkreis werden diese Bezüge konkret benötigt, um Auslöser, adressierte Steuerung und spätere Beobachtung zusammenzuführen. Ein Eingriffscode allein reicht dafür nicht.

Bei mehreren Systemuhren muss zudem bekannt sein, wie ihre Zeitangaben vergleichbar gemacht werden und welche Unsicherheit bleibt. Ohne diesen Bezug können vermeintlich spätere Messungen tatsächlich vor dem Eingriff entstanden sein.

Welche Komponenten zusammenwirken

Cyber-physische Produktionssysteme bestehen nicht aus einem einzelnen Produkt. Sie entstehen aus der abgestimmten Verbindung mehrerer Ebenen:

  • Physische Objekte: Anlagen, Geräte, Werkzeuge, Materialien, Produkte, Proben und räumliche Bereiche.
  • Erfassung: Sensoren, Messgeräte, Kameras, Maschinenmeldungen und strukturierte menschliche Eingaben.
  • Kommunikation: lokale Feldbusse, industrielle Netzwerke, Schnittstellen, Gateways und übergeordnete Plattformen.
  • Digitale Verarbeitung: Zustandsmodelle, Regeln, Ereignisverarbeitung, Analysen und betriebliche Wissensmodelle.
  • Einwirkung: Aktoren, Maschinensteuerungen, Freigaben, Aufgaben oder Anweisungen an Menschen.
  • Menschliche Beteiligung: Ausführung, Beobachtung, Prüfung, Entscheidung, Freigabe und Korrektur.

Die Industrie-4.0-Arbeitsgruppe beschrieb cyber-physische Produktionssysteme als Grundlage einer vernetzten industriellen Wertschöpfung, in der eingebettete Systeme, Produktionsmittel und Logistik miteinander kommunizieren und sich über Unternehmensgrenzen hinweg verbinden können.[3] In einem regulierten Betrieb reicht technische Vernetzung allein jedoch nicht. Es muss zusätzlich erkennbar bleiben, welches Objekt betroffen war, welche Vorgabe galt und wer einen Eingriff verantwortete.

Nicht jede Rückkopplung führt zu autonomer Steuerung

Zwischen reiner Anzeige und vollautomatischem Eingriff liegen mehrere Stufen:

  • Beobachtung: Das System erfasst und visualisiert den Zustand, ohne eine Reaktion vorzuschlagen.
  • Warnung: Eine definierte Bedingung löst einen Hinweis aus.
  • Empfehlung: Das System stellt kontextbezogene Handlungsoptionen und ihre Grundlagen bereit.
  • Freigabepflichtiger Eingriff: Eine vorbereitete Aktion wird erst nach menschlicher Bestätigung ausgeführt.
  • Begrenzte Automatisierung: Eine vorab freigegebene Regel löst innerhalb klarer Grenzen selbstständig eine Aktion aus.
  • Sicherer Zustand: Bei Störung, Unsicherheit oder Kommunikationsverlust wird ein definierter Zustand hergestellt oder eine kontrollierte Übergabe ausgelöst.

Welche Stufe angemessen ist, hängt von Risiko, Umkehrbarkeit, Zeitkritik und Nachweisbedarf ab. Eine geringfügige Nachregelung kann automatisch erfolgen, während eine Produktfreigabe oder Abweichungsbewertung einer verantwortlichen Person vorbehalten bleibt.

Workflow-Modelle können festlegen, welche Aufgabe, Prüfung oder Freigabe auf einen erkannten Zustand folgt. Das cyber-physische Produktionssystem liefert dafür den realen Auslöser und nimmt die anschließende Wirkung wieder in den beobachteten Zusammenhang auf.

Menschliche Eingriffe müssen innerhalb des Zeitfensters wirksam werden

Bei einer freigabepflichtigen Nachregelung ist die erreichbare Reaktionszeit Teil der Auslegung. Ist der physische Vorgang schneller als eine realistische menschliche Prüfung, kann die Person nicht als alleinige Schutzmaßnahme eingeplant werden.

Bei Human in the Loop müssen die nötigen Informationen und Handlungsoptionen verfügbar sein; auch die Reaktion auf eine ausbleibende Entscheidung ist festzulegen. Im cyber-physischen System kommt hinzu, dass der freigegebene Eingriff rechtzeitig ausgeführt und seine tatsächliche Wirkung beobachtet werden muss.

Verlässlichkeit entsteht über den gesamten Regelkreis

Ein cyber-physisches Produktionssystem kann nur so verlässlich sein wie die Verbindung seiner Komponenten. Ein kalibrierter Sensor hilft wenig, wenn seine Werte dem falschen Objekt zugeordnet werden. Eine korrekte Regel kann schaden, wenn eine Aktorik sie verspätet oder in einem ungeeigneten Betriebszustand ausführt. Eine vollständige Aufzeichnung genügt nicht, wenn unberechtigte Personen Steuerbefehle auslösen können.

Zu den zentralen Anforderungen gehören deshalb:

  • bekannte Identitäten und Zustände aller relevanten Komponenten,
  • eindeutige Kommunikations- und Verantwortungsgrenzen,
  • Prüfung von Datenqualität, Zeitbezug und Vollständigkeit,
  • Berechtigungen für Beobachtung, Entscheidung und Eingriff,
  • Erkennung von Ausfällen, Konflikten und unplausiblen Zuständen,
  • definierte sichere Reaktionen bei Unsicherheit oder Verbindungsverlust,
  • nachvollziehbare Änderungen an Software, Regeln und Gerätekonfigurationen.

Lee weist darauf hin, dass physische Komponenten Sicherheits- und Verlässlichkeitsanforderungen mitbringen, die sich qualitativ von gewöhnlicher Anwendungssoftware unterscheiden.[2] Ein Softwareprozess kann formal korrekt ablaufen und dennoch für den realen Vorgang zu spät oder unter falschen physikalischen Annahmen reagieren.

Cyber-physisches System und digitaler Zwilling sind nicht dasselbe

Ein digitaler Zwilling repräsentiert relevante Eigenschaften und Zustände eines realen Produktionsgegenstands oder -prozesses. ISO 23247-1 beschreibt hierfür allgemeine Grundsätze und Anforderungen eines Digital-Twin-Rahmens für die Fertigung.[4]

Das cyber-physische Produktionssystem umfasst dagegen den gesamten Wirkzusammenhang aus physischen Komponenten, Erfassung, Kommunikation, digitaler Verarbeitung, Steuerung und menschlicher Beteiligung. Ein digitaler Zwilling kann darin die aktuelle und historische Repräsentation liefern. Er ist aber nicht automatisch die Sensorik, das Netzwerk, die Aktorik oder die verantwortliche Organisation.

Umgekehrt kann eine lokal geregelte Maschine ein cyber-physisches Teilsystem bilden, ohne dass ein umfassender betrieblicher Zwilling existiert. Für eine belastbare Produktionsarchitektur ist daher klar zu trennen, was real wirkt, was digital repräsentiert, was entscheidet und welche Verbindung beide Seiten zusammenhält.

Verwandte Begriffe sauber abgrenzen

  • Ein eingebettetes System ist eine rechnergestützte Komponente innerhalb eines Geräts. Es kann Teil eines cyber-physischen Systems sein.
  • Das Internet der Dinge betont vernetzte physische Objekte und ihre Kommunikation. Ein cyber-physisches System betont zusätzlich den funktionalen Wirk- und Rückkopplungszusammenhang.
  • Industrielle Automatisierung führt festgelegte Steuerungsaufgaben aus. Sie kann Bestandteil eines cyber-physischen Produktionssystems sein, muss aber nicht umfassend kontextbezogen oder vernetzt sein.
  • Ein digitaler Zwilling bildet relevante Eigenschaften und Zustände realer Gegenstände oder Prozesse digital ab. Er kann die Informationsgrundlage eines cyber-physischen Systems bilden.
  • Ein cyber-physisches Produktionssystem umfasst physische Produktion, Erfassung, digitale Verarbeitung, Einwirkung und menschliche Beteiligung als zusammengehöriges System.

Physische Rückmeldungen in 420+ einordnen

Bei einer Geräteanbindung an 420+ werden Messung, Übertragung, Steuerbefehl und beobachtete Wirkung unterschieden. Der Aufgabenbezug verbindet den auslösenden Zustand und die zugehörige spätere Beobachtung. Die konkrete Auslegung bestimmt, wo eine Steuerung selbstständig handelt und wo Menschen einbezogen werden.

Was cyber-physische Produktionssysteme nicht leisten

  • Mehr Sensorik bedeutet nicht automatisch mehr Erkenntnis. Daten benötigen Zweck, Kontext und eine fachlich begründete Verwendung.
  • Ein Modell ersetzt nicht die physische Wirklichkeit. Verschleiß, Störungen und nicht erfasste Bedingungen bleiben möglich.
  • Ein erfolgreicher Eingriff beweist keine allgemeine Ursache. Seine Wirkung gilt zunächst für den beobachteten Zusammenhang.

Die Befehlsannahme ist noch keine bestätigte Prozesswirkung

Die Meldung um 10:00:05 beschreibt im Beispiel einen früher gemessenen Zustand. Eine angenommene Nachregelung und eine spätere Beobachtung sind weitere, getrennte Informationen. Ihre Zuordnung entscheidet darüber, welche Wirkung überhaupt beurteilbar ist.

Cyber-physische Produktionssysteme verlangen deshalb einen Blick auf den gesamten zeitlichen Wirkzusammenhang. Verlässlichkeit betrifft Erfassung, Übertragung, Eingriff und Rückmeldung einschließlich der definierten Reaktionen bei Ausfall.

Primärquellen und weiterführende Literatur

  1. Edward R. Griffor, Christopher Greer, David A. Wollman und Martin J. Burns, Framework for Cyber-Physical Systems: Volume 1, Overview, NIST Special Publication 1500-201, 2017. NIST-Publikation
  2. Edward A. Lee, Cyber Physical Systems: Design Challenges, 11th IEEE International Symposium on Object and Component-Oriented Real-Time Distributed Computing, 2008, S. 363–369. Originalarbeit
  3. Henning Kagermann, Wolfgang Wahlster und Johannes Helbig, Recommendations for Implementing the Strategic Initiative INDUSTRIE 4.0, Abschlussbericht der Industrie-4.0-Arbeitsgruppe, acatech, 2013. Originalbericht
  4. ISO, ISO 23247-1:2021 – Automation systems and integration — Digital twin framework for manufacturing — Part 1: Overview and general principles, 2021. ISO-Standardseite
  5. Maija Breque, Lars De Nul und Athanasios Petridis, Industry 5.0 – Towards a sustainable, human-centric and resilient European industry, Europäische Kommission, 2021. EU-Bericht