Wiederkehrendes Verhalten im richtigen Kontext erkennen
Prozessmuster: Wiederkehrendes Verhalten in Abläufen erkennen
Zwei Chargenwege unterscheiden sich, enthalten aber dieselbe Nacharbeitsfolge. Was lässt sich über diesen gemeinsamen Ausschnitt sagen?
Kurzdefinition: Ein Prozessmuster ist eine wiederkehrende lokale Struktur ausgeführter Aktivitäten, die Reihenfolge, Auswahl, Parallelität, Schleifen oder Übergaben innerhalb vergleichbarer Abläufe beschreiben kann.[1]
Was ein Prozessmuster auszeichnet
Das Muster beschreibt nicht zwingend den gesamten Prozess vom Anfang bis zum Ende. Häufig liegt sein Wert gerade darin, einen begrenzten Ausschnitt sichtbar zu machen: etwa die typische Folge aus Messung, Rückfrage und Nacharbeit oder eine wiederkehrende Kombination von Materialwechsel und zusätzlicher Prüfung.
Wiederholung allein macht ein Verhalten weder richtig noch falsch. Ein häufiges Muster kann einen bewährten Ablauf, eine geduldete Umgehung, eine systematische Nacharbeit oder einen Fehler in der Datenerfassung abbilden. Erst der Vergleich mit Vorgaben, Kontext und fachlicher Bewertung gibt ihm betriebliche Bedeutung.
Beispiel: Wiederkehrende Nacharbeit im Chargenprozess
Ein vereinfachter, fiktiver Vergleich betrachtet zwei unterschiedliche Chargenwege. Im ersten folgt auf die Teilfolge Messen → Nacharbeiten → Erneut messen die reguläre Prüfung und Freigabe. Im zweiten kommt zwischen erneuter Messung und regulärer Prüfung eine Zusatzprüfung hinzu. Beide Wege beginnen mit dem Abschluss der Herstellung.
Die vollständigen Folgen unterscheiden sich, der hervorgehobene zusammenhängende Ausschnitt stimmt jedoch überein. Die Mustersuche richtet sich hier auf diesen Ausschnitt: In welchen Fällen tritt er auf, unter welchen Bedingungen und mit welchem Ergebnis?
Im fiktiven 20-Fälle-Beispiel des Variantenbeitrags enthalten vier Fälle des einen und zwei Fälle des anderen Wegs diese Teilfolge. Das sind sechs von 20 Fällen, also 30 Prozent. Gezählt werden Fälle mit mindestens einem Vorkommen; das ist keine allgemeine Qualitätskennzahl für Local Process Models.
Die Teilfolge erklärt noch nicht, warum Nacharbeit erforderlich war. Dafür müssten etwa die ursprünglichen Messungen, die Nacharbeitsgründe und die Ergebnisse betrachtet werden. Der gemeinsame Ausschnitt grenzt die Untersuchung ein, ohne alle betroffenen Chargenwege gleichzusetzen.
Dieselbe Teilfolge in zwei unterschiedlichen Wegen
Die Prozessvarianten des Beispiels unterscheiden sich durch die zusätzliche Prüfung. Die zusammenhängende Teilfolge „Messen → Nacharbeiten → Erneut messen“ kommt in beiden vor. Die Mustersuche betrachtet diesen Ausschnitt, die Variantenbildung die vollständigen Folgen.
Zur Zählung muss feststehen, ob Fälle mit mindestens einem Vorkommen oder einzelne Vorkommen gezählt werden. Ein Fall mit zwei Nacharbeitsrunden könnte sonst unbemerkt doppelt in eine Fallquote eingehen. Auch erlaubte Zwischenaktivitäten und Abstände gehören zur Musterdefinition.
Von einzelnen Ereignissen zum wiederkehrenden Verhalten
Prozessereignisse halten fest, welche Aktivität wann und in welchem Zusammenhang ausgeführt wurde. Ein einzelnes Ereignis ist zunächst eine Beobachtung. Erst wenn viele vergleichbare Ausführungen gemeinsam betrachtet werden, können wiederkehrende Strukturen erkennbar werden.
Dafür müssen Ereignisse fachlich vergleichbar sein. Gleich benannte Aktivitäten können unterschiedliche Bedeutungen haben, wenn sie unter anderen SOP-Versionen, an anderen Produkten oder mit abweichenden Rollen ausgeführt wurden. Umgekehrt kann dasselbe betriebliche Verhalten in mehreren Systemen verschieden bezeichnet sein. Vor der Mustersuche stehen deshalb eindeutige Identitäten, kontrollierte Aktivitätsnamen und ein nachvollziehbarer Kontext.
Ein Muster entsteht nicht durch bloße optische Ähnlichkeit. Es muss definierbar sein: Welche Aktivitäten gehören dazu? Welche Reihenfolge oder Parallelität ist relevant? Welche Abstände dürfen zwischen den Ereignissen liegen? Für welche Objekte, Zeiträume und Prozessbedingungen soll die Wiederholung gelten?
Prozessmuster ersetzen keine Datenprüfung. Doppelte, fehlende oder falsch zugeordnete Ereignisse können künstliche Muster erzeugen.
Welche Strukturen Prozessmuster abbilden können
Lokale Prozessmodelle können häufiges Verhalten differenzierter ausdrücken als eine einfache Liste aufeinanderfolgender Aktivitäten. Die Forschung beschreibt insbesondere Reihenfolge, Auswahl, Parallelität und Schleifen als modellierbare Strukturen.[1]
- Reihenfolge: Tätigkeit B folgt regelmäßig auf Tätigkeit A.
- Auswahl: Nach A wird abhängig von einer Bedingung B oder C ausgeführt.
- Parallelität: B und C können unabhängig voneinander oder in wechselnder Reihenfolge auftreten, bevor D beginnt.
- Schleife: Eine Prüfung oder Bearbeitung wird wiederholt, bis ein Zustand erreicht ist.
- Auslassung: Ein optionaler Schritt tritt nur in bestimmten Situationen auf.
- Übergabe: Ein Objekt, eine Aufgabe oder Verantwortung wechselt wiederholt zwischen Rollen oder Bereichen.
Diese Formen sollten nicht vorschnell aus einzelnen Zeitfolgen abgeleitet werden. Parallelität setzt beispielsweise mehr voraus als wechselnde Reihenfolgen in wenigen Fällen. Das gewählte Modell, die Datenqualität und die fachliche Interpretation bestimmen, welche Struktur tatsächlich getragen wird.
Lokale Muster statt eines einzigen Gesamtmodells
Ein vollständiges Prozessmodell soll typischerweise das Verhalten vom Beginn bis zum Ende einer Prozessinstanz beschreiben. In stark variablen Abläufen kann daraus ein schwer lesbares Modell entstehen, das nahezu jede Reihenfolge zulässt. Lokale Prozessmodelle wählen einen anderen Ausschnitt: Sie beschreiben häufiges Verhalten innerhalb von Ereignisfolgen, ohne den gesamten Verlauf erklären zu müssen.
Tax und seine Mitautoren ordnen Local Process Models zwischen klassischer Process Discovery und sequenzieller Mustersuche ein. Sie können neben Reihenfolgen auch Auswahl, Parallelität und Schleifen enthalten und bleiben dennoch auf begrenzte Verhaltensausschnitte gerichtet.[1]
Diese lokale Sicht ist besonders nützlich, wenn ein Betrieb nicht nach „dem einen Prozess“ fragt, sondern nach einem konkreten wiederkehrenden Zusammenhang: Welche Schritte gehen einer Nacharbeit häufig voraus? Welche Prüfungen treten bei einer bestimmten Materialgruppe gemeinsam auf? An welcher Übergabe entsteht regelmäßig eine zusätzliche Rückfrage?
Häufigkeit ist nur ein Auswahlkriterium
Ein Prozessmuster muss oft genug auftreten, um als Wiederholung erkennbar zu sein. Dennoch ist die häufigste Struktur nicht automatisch die wichtigste. Sehr häufige, triviale Folgen können analytisch wenig beitragen, während ein seltenes Muster bei einer kritischen Abweichung erhebliche Bedeutung besitzt.
Für Local Process Models werden deshalb mehrere Qualitätsdimensionen vorgeschlagen, darunter Unterstützung, Konfidenz, Abdeckung, Passung der Modellsprache und Determinismus.[1] Die Kennzahlen betrachten unterschiedliche Eigenschaften. Eine hohe Abdeckung kann etwa mit einem zu allgemeinen Muster einhergehen; eine sehr spezifische Struktur kann dagegen nur wenige Fälle erfassen.
Die Bewertung sollte an der betrieblichen Frage ausgerichtet sein. Interest-driven Ansätze verbinden Mustersuche deshalb mit Nutzenfunktionen und Einschränkungen, damit nicht nur häufige, sondern für das Analyseziel relevante Muster ausgewählt werden.[2]
Der Kontext entscheidet über Vergleichbarkeit
Ein Muster kann über alle Daten hinweg häufig erscheinen und innerhalb einer fachlich vergleichbaren Gruppe dennoch bedeutungslos sein. Deshalb muss vor jeder Bewertung festgelegt werden, welche Ausführungen gemeinsam betrachtet werden dürfen.
Relevante Kontextmerkmale können Produktart, Materialgruppe, Standort, Gerätetyp, SOP-Version, ausführende Rolle, Schicht, Umgebungsbedingungen oder Prozessphase sein. Sie dienen nicht dazu, nachträglich ein gewünschtes Ergebnis herzustellen. Sie begrenzen den Vergleich auf Situationen, für die dieselbe fachliche Aussage überhaupt tragfähig sein kann.
Auch zeitliche Gültigkeit gehört zum Kontext. Ein wiederkehrendes Verhalten unter einer früheren Vorgabe darf nicht ohne Prüfung auf eine neue Prozessversion übertragen werden. Werden Modelle, Geräte oder Zuständigkeiten verändert, muss erkennbar bleiben, unter welchen Bedingungen das Muster entstanden ist.
Muster benötigen stabile Beziehungen
Prozessbeziehungen bestimmen, welche Ereignisse, Objekte, Zustände und Beteiligten fachlich zusammengehören. Ohne diese Verbindungen kann ein vermeintliches Muster aus Ereignissen entstehen, die nur zufällig zeitlich nah beieinanderliegen.
In einem Chargenprozess kann dieselbe Aktivität „Probe prüfen“ viele Male auftreten. Für ein sinnvolles Muster muss erkennbar bleiben, welche Probe aus welcher Charge stammt, welche Prüfmethode verwendet wurde und auf welches Objekt sich die spätere Entscheidung bezieht. Erst dann lässt sich untersuchen, ob eine wiederkehrende Abfolge tatsächlich denselben betrieblichen Zusammenhang beschreibt.
Objektbeziehungen erweitern die Mustersuche über einzelne Fallspuren hinaus. Ein Muster kann beispielsweise den wiederholten Übergang von Materialcharge zu Produktionscharge, Probe und Freigabe abbilden. Dabei bleibt zu prüfen, ob alle beteiligten Objektarten vollständig erfasst und ihre Rollen einheitlich qualifiziert wurden.
Lokale Entdeckung kann den Untersuchungsumfang begrenzen
Process Discovery umfasst die Ableitung von Modellen aus Ereignisdaten; auch lokale Modelle werden entdeckt. Der Unterschied liegt hier im betrachteten Ausschnitt. Ein Local Process Model muss nicht den gesamten Weg vom Prozessbeginn bis zum Ende beschreiben.
Viele ähnliche lokale Modelle können dennoch schwer überschaubar werden. Arbeiten zur Gruppierung solcher Modelle behandeln diese Redundanz.[4] Die Auswahl soll die Untersuchungsfrage unterstützen, ohne scheinbar verschiedene Ergebnisse nur wegen leicht abweichender Darstellung mehrfach zu zählen.
Vom gefundenen Muster zur fachlichen Bewertung
Ein gefundenes Muster ist zunächst eine überprüfbare Hypothese über wiederkehrendes Verhalten. Für seine betriebliche Einordnung sollten mindestens Auftretenshäufigkeit, betroffene Objekte, zeitliche Verteilung, Kontextbedingungen und mögliche Gegenbeispiele sichtbar sein.
Danach folgt die fachliche Prüfung: Ist die Struktur vorgesehen? Entsteht sie nur unter bestimmten Bedingungen? Führt sie zu einem erwünschten Ergebnis, dokumentiert sie eine zulässige Ausnahme oder zeigt sie wiederkehrende Nacharbeit? Der gleiche Ablauf kann je nach Produkt, Prozessphase und Geltungsbereich unterschiedlich zu bewerten sein.
Erst eine dokumentierte Entscheidung darf bestimmen, ob aus dem Muster eine Prüfregel, eine Prozessänderung oder weiterer Untersuchungsbedarf folgt. Beim Prozesslernen wird eine Hypothese durch eine begrenzte Veränderung am Prozess und die erneute Beobachtung ihrer Wirkung geprüft. Bleibt die Datenlage unklar, ist auch dieses Ergebnis festzuhalten. Nicht jedes sichtbare Muster verlangt eine unmittelbare Intervention.
Prozessmuster übernehmen keine Entscheidung. Fachliche Bewertung und Verantwortung verbleiben bei den zuständigen Personen.
Ein beobachtetes Muster ist keine vorgegebene Steuerungsregel
Workflow-Muster beschreiben wiederverwendbare Lösungen für Modellierungs- und Steuerungsprobleme.[3] Der hier betrachtete Ausschnitt wird dagegen in aufgezeichneten Abläufen untersucht. Er kann eine Regelanpassung anregen, legt sie aber nicht fest.
Ebenso ist das gemeinsame Auftreten mit einem Ergebnis noch keine Ursachenklärung. Ob die Nacharbeit eine geeignete Reaktion oder Ausdruck eines vermeidbaren Problems war, muss anhand der jeweiligen Fälle beurteilt werden.
Muster mit ihren Vorkommen in 420+ verbunden halten
In 420+ bleiben wiederkehrende Ausschnitte der Prozesshistorie mit ihren konkreten Vorkommen verbunden. Aufgaben, Ergebnisse und die zugehörigen Bedingungen bilden den Bezug für die Untersuchung.
Die Analyse erfolgt innerhalb von 420+. Der Bezug zu Process Mining liegt in der Untersuchung solcher Ausschnitte über unterschiedliche Gesamtverläufe hinweg.
Die offene Frage liegt hinter dem gemeinsamen Ausschnitt
Die zwei Wege besitzen dieselbe Nacharbeitsfolge. Damit ist der Umfang des Musters beschrieben; seine Ursache und seine Bewertung sind noch offen. Die Untersuchung kann nun gezielt nach Messungen, Nacharbeitsgründen und Ergebnissen dieser Vorkommen fragen.
Ein nützliches Prozessmuster grenzt somit einen wiederkehrenden Ausschnitt präzise ein. Es hält erkennbar, was gezählt wurde und welche Unterschiede außerhalb dieses Ausschnitts fortbestehen.
Prozessmuster beweisen keine Kausalität. Wiederkehrende Reihenfolgen können auf einen Zusammenhang hinweisen, erklären ihn aber nicht allein. Sie verhindern keine Ergebnisflut. Ähnliche Muster müssen gruppiert, gefiltert und nach Analysezweck priorisiert werden.
Primärquellen und weiterführende Literatur
- Niek Tax, Natalia Sidorova, Reinder Haakma und Wil M. P. van der Aalst, Mining Local Process Models, Journal of Innovation in Digital Ecosystems, Vol. 3, Nr. 2, 2016, S. 183–196. Originalarbeit
- Niek Tax, Benjamin Dalmas, Natalia Sidorova, Wil M. P. van der Aalst und Sylvie Norre, Interest-Driven Discovery of Local Process Models, Information Systems, Vol. 77, 2018, S. 105–117. Originalarbeit
- Wil M. P. van der Aalst, Arthur H. M. ter Hofstede, Bartek Kiepuszewski und Alistair P. Barros, Workflow Patterns, Distributed and Parallel Databases, Vol. 14, 2003, S. 5–51. Originalarbeit
- Viki Peeva und Wil M. P. van der Aalst, Grouping Local Process Models, 2023. Originalarbeit