Digitale Wertschöpfung

MES-System: Aufgaben und Unterschiede zu ERP und EBR

Ein MES-System (Manufacturing Execution System) begleitet die Fertigung zwischen betrieblicher Planung und der Ausführung an Anlagen und Arbeitsplätzen. Es verbindet Produktionsaufträge, Ressourcen, Arbeitsschritte und Ergebnisse. Dadurch wird erkennbar, wie ein Auftrag bearbeitet wird und welche Voraussetzungen für den nächsten Schritt erfüllt sind.

Autor: Hannes Schubert
Mitarbeiter bedient ein Bedienpanel an einer Produktionsanlage; daneben eine Aufgabenkarte: Die Abfüllung an Anlage AF-12 wartet, weil die Materialprüfung noch offen ist.
Mitarbeiter bedient ein Bedienpanel an einer Produktionsanlage; daneben eine Aufgabenkarte: Die Abfüllung an Anlage AF-12 wartet, weil die Materialprüfung noch offen ist.

Die Normenreihe IEC 62264 beschreibt Manufacturing Operations Management als Ebene 3 zwischen der Unternehmensplanung und den Funktionen der Prozesssteuerung. [1]

Entscheidend ist weniger die Softwarebezeichnung als ihre Aufgabe im laufenden Produktionsbetrieb.

Ein MES verbindet Planung und Fertigungsausführung

Ein Produktionsauftrag legt fest, was hergestellt werden soll. Er beantwortet aber noch nicht, welche Materialien an einem Arbeitsplatz bereitstehen, ob eine Prüfung abgeschlossen wurde und welche Tätigkeit als Nächstes ansteht.

Ein MES übersetzt diese Planung in einen geführten Arbeitsablauf. Es stellt Aufgaben bereit, ordnet Ressourcen zu, erfasst Ergebnisse und verfolgt den Bearbeitungsstand.

Das zeigt ein fiktiver Fall.

Für die Charge CH-836 ist eine Abfüllung an der Anlage AF-12 vorgesehen. Der Produktionsauftrag liegt vor. Die erforderliche Prüfung eines Ausgangsmaterials ist jedoch noch offen.

In der Planung bleibt der Fertigungsauftrag bestehen. Für die Ausführung zählt dagegen, ob das Material verwendet werden darf.

Ein entsprechend eingerichtetes MES zeigt den offenen Prüfstatus im Auftragskontext und führt die zuständigen Personen durch die vorgesehenen Schritte. Die weitere Bearbeitung richtet sich nach den hinterlegten Voraussetzungen.

Aus einem geplanten Auftrag wird so eine Folge konkreter Tätigkeiten, Rückmeldungen und Entscheidungen.

Die Aufgaben eines MES reichen von Ressourcen bis Qualität

Ein MES unterstützt unterschiedliche Bereiche des operativen Produktionsmanagements. IEC 62264-3 behandelt hierfür Aktivitätsmodelle des Manufacturing Operations Management. [2]

Produktionsaufgaben führen. Arbeitsaufträge werden in bearbeitbare Schritte und Zuständigkeiten übersetzt. Eine Workflow Engine koordiniert dabei Aufgaben, Ergebnisse und die vorgesehenen Übergänge zwischen ihnen.

Ressourcen zuordnen. Materialien, Personal, Anlagen und weitere Betriebsmittel erhalten einen Bezug zum Produktionsauftrag. Verfügbarkeit und Eignung werden nach den festgelegten Anforderungen unterschieden.

Ausführungsdaten erfassen. Mengen, Zeiten, Messwerte und Ergebnisse werden während der Fertigung dem jeweiligen Vorgang zugeordnet. Dadurch bleibt erkennbar, welche Information zu welcher Tätigkeit gehört.

Qualitätsprüfungen einbeziehen. Vorgesehene Kontrollen sind mit der Ausführung verbunden. Ein offener Befund wird zum Gegenstand einer konkreten Prüf- oder Entscheidungsaufgabe.

Produktionsverläufe auswerten. Die erfassten Ereignisse bilden eine Grundlage, um Bearbeitungszeiten, Wartephasen und unterschiedliche Ablaufwege zu untersuchen. Die Analyse von Prozessvarianten macht Unterschiede zwischen dokumentierten Durchläufen sichtbar.

Bei CH-836 gehören diese Aufgaben zusammen: Die Materialprüfung betrifft die spätere Abfüllung, deren Ergebnis gehört zur Charge, und die anschließende Bewertung benötigt die zugehörigen Aufzeichnungen.

ERP und MES betrachten unterschiedliche Ebenen des Betriebs

Ein ERP-System (Enterprise Resource Planning) unterstützt die Planung und Verwaltung betrieblicher Ressourcen. Es verbindet beispielsweise Beschaffung, Materialwirtschaft, Bestände, Fertigungsaufträge und betriebswirtschaftliche Vorgänge.

Ein MES konzentriert sich dagegen auf die operative Produktionsausführung.

Die vereinfachte Formel lautet: ERP plant, MES begleitet die Fertigungsausführung. Sie beschreibt zwei Schwerpunkte, keine starre technische Systemgrenze.

ERP-Systeme enthalten teilweise eigene Fertigungsfunktionen. MES-Anwendungen übernehmen ihrerseits Aufgaben der Feinplanung, Ressourcenkoordination und Rückmeldung.

Bei CH-836 führt das ERP den Fertigungsauftrag und den geplanten Materialbedarf. Das MES koordiniert die Ausführung an AF-12, berücksichtigt die Materialprüfung und erfasst die erledigten Arbeitsschritte.

Nach Abschluss gelangen verbrauchte Mengen und Auftragsstände zurück in die betriebliche Planung.

Dafür brauchen beide Ebenen gemeinsame Identifikatoren für Aufträge, Materialien und Chargen. Auch muss feststehen, welches System für welche Angaben führend ist.

Die Unterscheidung zwischen ERP und MES liegt somit in den jeweils verantworteten Aufgaben und Daten, nicht allein in der Benutzeroberfläche.

MES und Electronic Batch Record erfüllen unterschiedliche Aufgaben

In regulierten Chargenprozessen kommt zur operativen Produktionsführung die kontrollierte Aufzeichnung der Chargenausführung hinzu.

Ein Electronic Batch Record beschreibt den elektronischen Ausführungsrecord einer Charge. Er umfasst die verwendeten Vorgaben, ausgeführten Schritte, Ergebnisse und zugehörigen Prüfungen und Entscheidungen.

Ein MES kann die im Beitrag zum Electronic Batch Record beschriebenen Record-Funktionen enthalten. Umgekehrt begleitet ein EBR-System unter Umständen auch die Ausführung mit Aufgaben und Prüfungen.

Die operative Fertigungsführung und die chargenbezogene Nachweisfunktion sind unterschiedliche Aufgaben, die in einer Anwendung zusammenkommen können.

Für CH-836 ist deshalb beides zu betrachten: Wie wird die Abfüllung durchgeführt, und welcher kontrollierte Record entsteht aus ihr?

IEC 61512-1:2026 behandelt Modelle und Begriffe für die Batch-Steuerung in der Prozessindustrie. Sie liefert einen Rahmen zur Beschreibung chargenorientierter und prozedurbezogener Steuerungsmodelle, aber keinen pauschalen Nachweis für die EBR-Eignung einer bestimmten Software. [3]

Die Vorteile eines MES entstehen während der Ausführung

Der Nutzen eines MES liegt vor allem darin, dass Informationen nicht erst am Ende eines Produktionsvorgangs zusammengeführt werden, sondern bereits während der Arbeit am richtigen Ort verfügbar sind.

Weniger Übertragungen zwischen Papier und Systemen. Sind Material-, Auftrags- und Vorgabedaten bereits dem betreffenden Arbeitsschritt zugeordnet, entfallen gesonderte Übertragungen derselben Angaben. Die Bearbeitung folgt einem gemeinsamen Auftragskontext.

Fehler und offene Voraussetzungen früher erkennen. Fehlende Materialprüfungen, unpassende Zuordnungen und ausstehende Ergebnisse werden dort sichtbar, wo sie für die Fortsetzung der Arbeit relevant sind. Eine spätere Dokumentenprüfung ist nicht mehr der erste Ort, an dem der Sachverhalt auffällt.

Die Chargenprüfung gezielt vorbereiten. Ausgeführte Tätigkeiten, Ergebnisse, Zeitpunkte und zugehörige Entscheidungen bleiben dem Vorgang zugeordnet. Die prüfende Person erhält einen zusammenhängenden Bearbeitungsstand mit erkennbaren offenen Punkten.

Bei CH-836 erscheint die fehlende Materialprüfung vor der Abfüllung. Die zuständige Person bearbeitet den offenen Prüfpunkt und dokumentiert die fachliche Entscheidung. Anschließend wird der vorgesehene Prozess fortgeführt.

Die dokumentierte Abfüllung und ihre Voraussetzungen stehen damit in demselben Arbeitszusammenhang. Die spätere Chargenprüfung beginnt bei diesem Verlauf, statt Informationen aus mehreren unabhängigen Unterlagen zusammenzutragen.

Die Kosten eines MES hängen von Integration und Einführung ab

Die Kosten eines MES setzen sich aus dem benötigten Funktionsumfang, der technischen Einbindung und der laufenden Betreuung zusammen.

Besonders ins Gewicht fallen folgende Aufwandstreiber:

  • Prozessumfang: Anzahl und Unterschiedlichkeit der Produktionsabläufe, Arbeitsplätze, Produkte und Ausnahmen.
  • Schnittstellen: Verbindungen zu ERP, Anlagen, Messgeräten sowie Labor- und Qualitätssystemen.
  • Stammdaten: Eindeutige Zuordnung von Aufträgen, Materialien, Chargen und Ressourcen.
  • Aufgaben und Regeln: Einrichtung von Arbeitsanweisungen, Rollen, Prüfbedingungen und Freigabewegen.
  • Einführung: Erprobung der Abläufe, Schulung der Beteiligten und gegebenenfalls Übernahme vorhandener Daten.
  • Betrieb: Pflege von Schnittstellen, Berechtigungen, Vorgaben und Prozessmodellen.

In regulierten Einsatzbereichen kommen Anforderungen an die Qualifizierung und Validierung computergestützter Systeme sowie an dokumentierte Änderungen hinzu. Der EU-GMP-Leitfaden behandelt entsprechende Anforderungen in Annex 11. [4]

Bei CH-836 macht es für den Aufwand einen Unterschied, ob allein die Abfüllaufgaben geführt werden oder auch Materialprüfung, Anlagenanbindung, Chargenrecord und Freigabe in einem gemeinsamen Ablauf eingerichtet sind.

Ein sinnvoller Kostenvergleich beginnt deshalb mit den konkret benötigten Funktionen und ihrer Integration in den bestehenden Betrieb.

Die Auswahl eines MES beginnt bei den benötigten Betriebsfunktionen

Bei der Auswahl stehen die konkreten Aufgaben im Vordergrund, die das System während der Fertigung übernehmen soll.

Wie sich solche Anforderungen gegen nachgewiesene Funktionen prüfen lassen, zeigt die Auswahl von Compliance-Software.

Bei einem MES betrifft das unter anderem die Auftragsführung, Materialzuordnung, Geräteanbindung, Prüfaufgaben, Rückmeldungen und Chargendokumentation.

Für CH-836 besteht eine geeignete Demonstration daher nicht aus einer allgemeinen Modulübersicht, sondern aus einem zusammenhängenden Vorgang:

Der Auftrag wird eingeplant, die offene Materialprüfung erscheint im Arbeitsablauf, die zuständige Person trifft ihre Entscheidung, die Abfüllung wird durchgeführt und ihr Ergebnis für die anschließende Prüfung bereitgestellt.

An diesem Ablauf lässt sich beurteilen, welche Funktionen vorhanden sind, welche Daten benötigt werden und wo organisatorische oder technische Übergaben stattfinden.

Ein MES ersetzt keine fachliche Bewertung

Ein MES führt Aufgaben, erfasst Ergebnisse und berücksichtigt die vorgesehenen Voraussetzungen für Prozessübergänge. Seine Aufzeichnungen müssen jedoch anhand der fachlichen Anforderungen des jeweiligen Betriebs beurteilt werden.

Die Rückmeldung einer produzierten Menge an das ERP ist dafür ein Beispiel.

Wenn CH-836 als abgeschlossen gemeldet und eine Menge an den Bestand übergeben wird, besagt die erfolgreiche Übertragung zunächst nur, dass die Rückmeldung verarbeitet wurde. Daraus folgt nicht, dass die gemeldete Menge zuvor vollständig auf Plausibilität geprüft wurde oder dass alle erforderlichen Qualitätsentscheidungen vorliegen.

Auch eine technisch abgeschlossene Aufgabe ist nicht zwangsläufig eine fachlich freigegebene Charge.

Deshalb müssen Datenprüfung, Abweichungsbehandlung und verantwortliche Freigabe eigenständige Vorgänge bleiben. Ein MES unterstützt ihre Durchführung und Dokumentation, ersetzt aber nicht die fachliche Entscheidung.

Ebenso wenig bestätigt die Bezeichnung MES eine regulatorische Konformität. Maßgeblich sind die vorhandenen Funktionen, ihre konkrete Einrichtung, die verwendeten Daten und die Eignung für den vorgesehenen Einsatz.

Quellen und nummerierte Fußnoten

  1. IEC 62264-1:2013 – Enterprise-control system integration – Part 1: Models and terminology. IEC. Bezug: Fertigungsmanagement und dessen Einordnung im Ebenenmodell.
  2. IEC 62264-3:2016 – Enterprise-control system integration – Part 3: Activity models of manufacturing operations management. IEC. Bezug: Aktivitätsmodelle im operativen Fertigungsmanagement. Keine Zuordnung zu ungesehenen Normabschnitten.
  3. IEC 61512-1:2026 – Batch control – Part 1: Models and terminology. IEC. Bezug: Modelle und Begriffe für Batch-Steuerung in der Prozessindustrie.
  4. Europäische Kommission, EudraLex Volume 4, Annex 11: Computerised Systems, Revision Januar 2011. Bezug: computergestützte Systeme im GMP-Anwendungsbereich. Versionsstand anhand der EudraLex-Übersicht am 19.10.2026 geprüft.